Wo Mandelas Erben anbauen – Erwachsene Cannabiskonsumenten sind keine Verbrecher

In der selben Zeitzone, doch unter dem Radar, weil andere Erdhalbkugel, urteilte das höchste südafrikanische Gericht bahnbrechend. Cannabiskonsumenten in Südafrika haben nun die höchstrichterliche Erlaubnis zu Konsum und Besitz, damit ist der Weg für die Legalisierung frei.

So wie die Öffnung der Grenzzäune in Ungarn einstmals den Fall der Mauer und damit das Ende der DDR und des Ostblocks wie des Kalten Krieges einleitete, so haben die Legalisierungen in einzelnen US-Bundesstaaten das Ende der Kriminalisierung von Drogenkonsumenten, das Ende des Cannabisverbots und damit das Ende des weltweiten Drogenkriegs eingeleitet. Wie damals die DDR-Greisenriege wollen es die Repressionisten alter Schule heute nicht wahrhaben, aber die Mauer bröckelt immer weiter. Zu den einzelnen US-Bundesstaaten, darunter freilich der bevölkerungsreichste und hipste, Kalifornien, gesellte sich 2013 als erster Staat Uruguay und nun Kanada. Weitgehend unbeachtet dagegen blieb ein bahnbrechendes Urteil in Südafrika.

Rauchzeichen am Kap der Guten Hoffnung

Derweil sich ohnehin immer mehr Staaten weltweit in die Phalanx der medizinischen Cannabisnutzer (zuletzt Großbritannien und Litauen) einreihen, entkriminalisierte wenig bemerkt das Land am Kap der guten Hoffnung den Konsum und Besitz von Cannabis. Während also in Nordamerika die Legalisierungsstaaten wie Pilze aus dem Repressionsmorast sprießen – 2018 kamen Vermont und die faktisch US-regierten Nördlichen Marianeninseln dazu – erlaubte das südafrikanische Verfassungsgericht, den privaten Konsum von Cannabis ausdrücklich. Das Urteil entkriminalisierte nicht bloß, sondern erlaubte explizit. Selbst wenn das nur für selbst gezogene und im Privaten konsumierte Cannabispflanzenprodukte gilt, sprach es weise Worte:
„Es ist kein Verbrechen, wenn eine erwachsene Person Cannabis in ihrem Privatbereich besitzt oder konsumiert“.
Die Entscheidung erging einmütig. Damit ist der vorherige Versuch der südafrikanischen Regierung eine progressive Entscheidung eines Richter eines Landgerichts aus dem letzten Jahr zu bremsen, gescheitert, denn erst die Anfechtung brachte diesen (unbedeutenden) Falls vor‘s höchste Verfassungsgericht, verlieh ihm deutlich mehr Aufmerksamkeit und nun dieses Ergebnis.
Das Landgericht hatte sich erlaubt, Cannabiskonsumenten freizusprechen, keine diskret im Verborgenen kiffenden zumal und dies mit der südafrikanischen Verfassung begründet. Die Regierung, unwillig wie so viele andere Regierungen wenn es um die Anerkennung gesellschaftlicher Veränderungen geht, wollte, typisch, blockieren, nun hat sie den Salat.

Richter wollen gesetzlichen Rahmen innerhalb der nächsten zwei Jahre

Überdies bleibt ihr nunmehr bloß noch auf Zeit spielen, denn die Entscheidung gab dieser unwilligen Regierung auf, innerhalb der nächsten zwei Jahre einen gesetzlichen Rahmen zu Konsum, Besitz und anderem zu verabschieden. Einiges spricht dafür, dass Südafrika ganz offiziell nicht beim privaten Konsum privat gezogener Pflanzen verharrt, sondern weitergehende Regelungen ähnlich wie in Kanada oder den zehn US-Bundesstaaten erläßt. Von kompletter Legalisierung mit Handel etc. bis z.B. hohen Freimengen beim Besitz ist alles drin.
Selbst wenn die südafrikanische Regierung, oder gleich das ganze Parlament extrem lange braucht, die Frist schlechterdings ignoriert – auch das wäre weltweit kein Einzelfall – die Tage des Verbots, der Kriminalisierung, der Diskriminierung sind gezählt. Als letzter Ausweg bliebe nur ein rascher Austausch der Verfassungsrichter (wie in Polen), die Südafrikaner wählen sich einen Rechtsextremen als Präsidenten (wie in Brasilien, doch am Kap scheint das unwahrscheinlich) oder die Regierung sucht sich ein neues Volk.
Dieses Volk hatte sich mit dem Ende der Apartheid eine neue Regierung mit einem neuen weltberühmten Präsidenten und Vorkämpfer, Nelson Mandela, gesucht. Freilich hatte die aus der ehemaligen Anti-Apartheid-Bewegung sich speisende Regierungspartei ANC (African National Congress), was Cannabis betrifft, nie aufgehört, jährlich tausende, überwiegend arme und schwarze Südafrikaner für Vergehen rund um Cannabis verhaften und bestrafen zu lassen.

Auch schwarze Polizisten verfolgen schwarze Konsumenten

In diesem Punkt unterschied sich Südafrika kaum von vielen Regierungen weltweit – bekanntlich hat die Cannabisrepression seit jeher zuvorderst arme, ohnehin diskriminierte Bevölkerungsschichten getroffen, siehe z.B. Frankreich und die USA. Dennoch wunderte die Beibehaltung der Repression und die übliche Fokussierung auf Randgruppen bei Südafrika schon. Denn einerseits waren Schwarze in Südafrika nie eine Randgruppe, sie stellten auch unter der Apartheid stets die Bevölkerungsmehrheit, andererseits wird Cannabis, in Südafrika Dagga genannt, bereits seit Jahrhunderten konsumiert. Und: wo Konsum dort auch Anbau.
Wozu sich in diesem südlichsten Land Afrikas, zwar in der selben Zeitzone, aber mit weitaus besseren klimatischen Bedingungen immer schon optimale Voraussetzungen fanden. Die Preise waren und sind (sehr) niedrig, noch billiger als in Uruguay. Weder umfangreiche Felder- oder Erntevernichtungen noch Beschlagnahmungen großer Mengen liessen Konsum, Angebot oder Preise sinken. Und wie in anderen Ländern (z.B. Kolumbien, Afghanistan) stellt der Anbau eine wenn auch schmale so doch verlässliche Einnahmequelle vieler Kleinbauern und ihrer Familien dar. Mittlerweile soll rund ein Viertel des weltweit konsumierten Cannabis aus Südafrika stammen.
Durch die weltweit um sich greifende Legalisierung und den sich daraus ergebenden wirtschaftlichen Möglichkeiten erhoffen sich südafrikanische Anbauer und Unternehmer einen lukrativen Markt.

Auf der zweiten Cannabismesse in Berlin, der ICBC im Frühjahr liefen neben den üblichen Verdächtigen aus Kanada, den Niederlanden und Jamaika auch Südafrikaner rum.
Aus Nelsons Grab sollen einstweilen Rauchzeichen aufsteigen.

Ähnliche Beiträge

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Hempedelic