Über die mannigfaltigen Mythen, die von den Prohibitionisten und Drogengegnern ausgehen, haben wir schon diverse Male gesprochen. Da wird Cannabis als Einstiegsdroge und Teufelskraut diffamiert, damit der War on Drugs auch weiterhin geführt werden kann. Nun sehen wir uns aber die andere Seite an: Die Gerüchte, die in der Hanfszene kursieren.

von Markus Berger

Hänflinge sind häufig Enthusiasten, die an ihre geliebte Pflanze nichts kommen lassen. Gut so. Allerdings existieren auch in der Cannabisbewegung zahlreiche Mythen, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Und die bringen uns argumentativ gar nichts oder nur den Spott der Gegner, weshalb es immer von Nutzen ist, sich bei der Darstellung von Fakten an die Wirklichkeit zu halten.

Mythos 1: Cannabis ist harmlos und beeinträchtigt die Gehirnentwicklung nicht
Wer behauptet, auch elfjährige Sprösslinge könnten problem- und gefahrlos kiffen, der weiß nicht, was er redet. Bis zum Alter von 25 Jahren befindet sich das menschliche Gehirn meist in der Entwicklung. Die dauerhafte pharmakologische Veränderung der Hirnchemie kann da durchaus manipulativen Einfluss nehmen – und letztlich das Nervensystem nachhaltig beeinträchtigen. Deshalb ist es von Vorteil, möglichst spät mit dem Kiffen anzufangen. Was nicht heißt, dass der Wochenendjoint beim 18-Jährigen verheerenden Schaden anrichten muss. Ein chronischer bzw. regelmäßiger Konsum vor allem größerer Mengen im Jugendlichenalter hat da schon eher das Potenzial, negativ auf die Entwicklung einzuwirken.

Mythos 2: Cannabis ist eine universelle Medizin, die alle Pharmazeutika ersetzen kann
Solche Vorurteile werden von vielen geschürt, denen es auf echte Argumentation nicht so sehr ankommt. Ein kanadischer Aktivist der Hanfmedizin zum Beispiel, Rick Simpson, der sich mit dem von ihm „erfundenen“ Cannabisöl (bekannt als Rick Simpson Oil, RSO) von seiner Krebserkrankung geheilt hat, behauptet, dass Hanfmedizin so gut wie alle schulmedizinischen Therapieansätze inklusive der dazugehörigen Pharmazeutika ersetzen kann. Das ist natürlich ein romantisch verklärter Trugschluss, der jeder Sachlichkeit entbehrt.

Mythos 3: Cannabis hat das Potenzial, die Welt zu retten
Romantischer Ansatz, jedoch ein wenig überzogen. Wenn jemand diese Welt, unseren Lebensraum, noch zu retten in der Lage ist, dann diejenigen Gestalten, die seit Jahr und Tag daran arbeiten, die Erde zu einem unbewohnbaren Planten zu machen: die Menschen selber nämlich. Sicherlich weist der Hanf eine ganze Palette an Eigenschaften auf, die dazu beitragen können, die Kehrtwende unseres zerstörerischen Handelns einzuleiten. Cannabis ist z.B. als vielseitige Faserpflanze nutzbar, sein weltweiter Anbau könnte damit der Rodung des Regenwalds ein Ende setzen. Außerdem hat der Hanf die Fähigkeit, Schadstoffe aus dem Boden zu ziehen und unschädlich zu machen. Nur deshalb wurde beispielsweise rund um Tschernobyl Hanf gepflanzt – damit das Cannabis die radioaktiven Gifte aus dem Erdreich herausholt. Auch kann der Hanf so manche nebenwirkungsbehaftete Medizin ersetzen. Das alles ist ein wunderbarer Ansatz, der helfen kann, unseren Lebensraum doch noch zu retten. Wenn wir Menschen allerdings so weitermachen wie bisher, wird auch die Cannabispflanze uns nicht mehr weiterhelfen können.

Mythos 4: Cannabis ist keine Droge, sondern eine Wunderpflanze
Beide Begriffe sind unsinnig. Das Wort „Droge“ bezeichnet alles und nichts, und „Wunderpflanzen“ sind ja im Grunde alle unsere Gewächse aus Gottes schönem Garten. Das Wort Droge wird in unserem Sprachraum überdies vollkommen falsch verwendet. Um zu erkennen, dass solche Terminologie dem Wandel der Zeit unterworfen ist, genügt es zu wissen, dass das Wort „Droge“ aus dem Niederländischen stammt (droog = trocken) und ursprünglich alle getrockneten Pflanzenteile bezeichnete, die als Arzneimittel Verwendung finden. Vor nicht all zu vielen Jahren benutzte man das Wort noch für Medikamente aller Couleur (was latent noch immer in unserer Gesellschaft schlummert, denn immerhin zieht sich auch niemand an der Bezeichnung Drogerie hoch), und erst in neuerer Zeit gilt das Wort „Droge“ als Bezeichnung für illegalisierte Rauschmittel. Eine Wunderpflanze ist Cannabis genauso wie der Schlafmohn, der Coca-Strauch und andere Gewächse, die uns helfen können, die Befindlichkeit, Gesundheit und so weiter zu verbessern. Cannabis ist da nicht der einzige Kandidat. Vergessen wir also diese Pauschalierungen, die niemanden weiterbringen und nur Verwirrung stiften.

Mythos 5: Cannabis ist eine „gute Substanz“, andere Substanzen sind „schlecht“
Wer solchen Blödsinn postuliert, gehört in die Reihe der Prohibitionisten, denn er oder sie bedient sich der selben „Argumentation“ und Terminologie wie die Geeks des War on Drugs. Wenn Hanffreunde verkünden, wie ungemein gesund und unschädlich ihre Lieblingssubstanz und wie schlimm dagegen z. B. der Alkohol ist, dann unterstreichen sie damit nur ihre Verblendung und Inkompetenz, über dies Thema überhaupt zu sprechen. In Wirklichkeit ist jedwede Substanz – egal welche – weder „gut“ noch „schlecht“. Es ist immer der Mensch, der mit seinem Verhalten maßgeblich beeinflusst, ob eine Substanz heilsame oder schädliche Wirkungen auslöst. Genauso wie der Hanf für den einen vorteilhaft sein und für den nächsten ungünstig wirken kann (immer unter Berücksichtigung der korrekten Handhabe), verhält es sich auch mit allen anderen Stoffen. Wer verkündet, Opiate seien „harte Drogen“ und deshalb abzulehnen, der ist offensichtlich noch niemals in die Verlegenheit geraten, von Morphin und Co. von unerträglichen Schmerzen befreit worden zu sein. Kurz gesagt: In der Hand des Arztes und im Falle eines medizinischen Bedarfs sind auch sogenannte harte Drogen ein Segen.

Stoffgruppen zu verteufeln und abzulehnen, nur weil sie nicht zu einer wie auch immer gearteten Philosophie passen, ist de facto Drogenprohibition der schlimmsten Klasse. Solche „Hanffreunde“ sollten, wenn es um drogenpolitische Verhältnisse geht, tunlichst ihre Münder halten. Sie tun der Gesellschaft und sich selbst damit den größten Gefallen.

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