Wer sich in der psychedelischen Bewegung zuhause fühlt, hat sicher schon des Öfteren von einer Heilzeremonie gehört, die mithilfe eines speziellen Froschgifts durchgeführt wird. Kambô ist das Schlagwort, wir erklären, was das ist.
von Markus Berger

Immer häufiger ist die Rede von Heilbehandlungen indigener Ethnien, die unter Verwendung eines pharmakologisch aktiven Froschsekrets praktiziert werden: Kambô nennt sich die Praxis, die von Indianern des Amazonasgebiets stammt und sowohl zur Sinnesaufhellung während der Jagd wie auch für heilerische Zwecke zur Anwendung kommt, z.B. gegen Schlangenbisse, Malaria und anderes. Im Rahmen der Therapiemethode, deren Ziel es ist, den Klienten von Grund auf von seinen Krankheiten, Leiden, Lastern etc. zu reinigen, werden der zu behandelnden Person mit einem kleinen glühenden Stöckchen Brandverletzungen zugefügt, auf die dann das Gift des Riesenmakifroschs (Phyllomedusa bicolor) mithilfe eines flachen Stücks Holz oder eines Rindenstücks aufgetragen wird. Damit gelangen die Inhaltsstoffe des farblosen Froschsekrets in den Körper. Die Folge: Der Proband erlebt eine Art Flash und muss sich anschließend heftigst übergeben. Dies stellt den Vorgang der Reinigung dar.

Geist ist nötig

Eine Kambô-Zeremonie besteht jedoch aus weit mehr, als nur aus der bloßen Applikation des Froschgifts. Immerhin haben wir es hier mit einem uralten schamanischen Ritual zu tun, bei dem der dahinterstehende Geist, der kulturelle Hintergrund und die Geisteshaltung des Schamanen von enormer Essenz sind. Deshalb ist es so schwierig, diese traditionellen indigenen Rituale für die westliche industrialisierte Welt zu adaptieren. Und deshalb kann es auch zu Zwischenfällen kommen, denen ein europäischer Kambô-Heiler nur schwer Herr werden kann, weil ihm schlichtweg der Background fehlt. Nicht anders verhält es sich beim indigenen Exportschlager Nummer eins: der Ayahuasca.

Wem nützt Kambô?

Kambô-Rituale werden für verschiedene therapeutische Zwecke abgehalten. Personen mit Suchtproblematik, Depressive, Krebs- und Schmerzpatienten gehören zum potenziellen Klientel, das die Kambô-Behandlung probiert. Nicht immer können die Menschen geheilt werden, nicht immer zeitigt ein einziges Ritual direkte spürbare Erfolge. Manche absolvieren eine Reihe von Zeremonien, bis sie die gewünschten Effekte – die Linderung ihrer Probleme – verspüren. Neuerdings ist Kambô auch bei Geschäftsleuten und sonstigen Protagonisten des Kapitalismus angekommen. Und zwar, weil das Ritual mit dem Froschgift das Bewusstsein klären und eine Zentrierung des Geistes herbeiführen kann.

Heiler, vereinigt euch!

Es gibt sogar schon eine Vereinigung von Kambô-Heilern, die International Association of Kambo Practicioners (IAKP). Dort kann man Kambô-Heiler finden, aber auch selber lernen, wie ein Kambô-Ritual funktioniert und sich sogar zum Kambô-Heiler ausbilden lassen. Zurzeit gibt es auf der Welt zwischen 60 und 70 solcher ausgebildeten Heiler, Tendenz steigend. Wer in den amazonischen Regenwald reist, kann das Handwerk in nur zwei Wochen erlernen, und der Trend, sich dieser Ausbildung zu unterziehen, reißt nicht ab. Allerdings tauchen auch immer mehr selbsternannte Kambô-Therapeuten auf, und denen sollte man sich nicht als Versuchsobjekt andienen.

Dem Frosch geht‘s gut

Schaut man sich die Art und Weise an, mit der das Gift des Riesenmakifroschs gewonnen wird, kann einem als Tierfreund schon komisch zumute werden. Um das wertvolle Sekret zu erhalten, wird der Frosch mithilfe von Fäden mit allen vier Extremitäten an kleinen Holzpflöcken festgebunden, anschließend wird er mit einem Holzstöckchen geärgert, damit sich sein Abwehrmechanismus in Gang setzt. Der Frosch wird gekitzelt und vorsichtig (und schmerzlos) gepiekt – an den Füßen, an der Nase, auf dem Kopf – woraufhin dieser sein heilsames Gift absondert. Das wird dann mit einem Hölzchen aufgefangen und für die Kambô-Zeremonie verwendet. Allerdings muss man sich um das Wohlergehen des Froschs keine Sorgen machen, denn die Unversehrtheit des Tieres steht bei der Zeremonie an allererster Stelle. Nach dem Melken wird das Tier wieder unbeschadet in den Wald gesetzt.

 
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Was ist im Froschgift?

Das Sekret des Riesenmakifroschs enthält mehr als hundert Substanzen, darunter Opioidpeptide wie Dermenkephalin, Deltophin und Dermophin. Der italienische Drogenforscher und Chemiker Vittorio Erspamer hatte das Froschgift schon 1986 analysiert. Kambô führt, verglichen mit der DMT-haltigen Ayahuasca, nur leichte psychoaktive Wirkungen herbei, etwa eine Sinnesintensivierung und -aufklärung, inneren Frieden und einen initialen stimulativen Flash.


 

 

 
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Ayahuasca bringt uns Kambô

Zurzeit ist es in eingeweihten Kreisen ein richtiger Trend, an Ayahuasca-Ritualen teilzunehmen. Doch auch der Mainstream entdeckt das schamanische Entheogen aus DMT und Betacarbolinen allmählich für sich. Vorbei sind die Zeiten, in denen nur echte Psychedeliker den amazonischen Trank kannten, mittlerweile ist Ayahuasca eine Modeerscheinung. Und das hat nicht nur positive Auswirkungen auf das kollektive Bewusstsein zur Folge, sondern sorgt auch dafür, dass Ayahuasca-Rituale zu kommerziellen Veranstaltungen transmutieren. Die Folge: Medizinische Notfälle und unschöne Zwischenfälle psychischer Natur häufen sich, Machtgebaren und Geldgier vonseiten falscher oder egomanischer „Ayahuasqueros“ führen zu Gewaltepisoden und den echten Schamanen wird nebenher noch die geistige Lebensgrundlage genommen.
Im Zuge der Popularisierung der Ayahuasca hat auch Kambô sich in Untergrundkreisen etabliert – und weil es bisher nicht illegalisiert wurde, können Zeremonien hin und wieder auch beworben werden.

 

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Eine Antwort

  1. Andreas Braun

    Hallo,
    ich interessiere mich für eine Kambozeremonie und hoffe auf weitere Informationen.

    Gruß Andreas Braun

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