75 Jahre Acid-Erfahrung

Am 19. April dieses Jahres, dem Bicycle Day, gibt es einen Grund zu feiern: An diesem Tag vor genau 75 Jahren hatte der Schweizer Naturstoffchemiker Albert Hofmann die psychedelischen Qualitäten einer Substanz entdeckt, die er fünf Jahre voher im Auftrag seines Arbeitgebers erstmals hergestellt hatte.
Damit war das LSD geboren – und es hat die Welt verändert.

Von Markus Berger

Eigentlich hat nicht das LSD als Substanz „Geburtstag“, sondern das Wissen um dessen Psychoaktivität. Lysergsäurediethylamid wurde erstmals 1938 von Albert Hofmann in den Sandoz-Laboratorien in Basel hergestellt und 1943 unter der Bezeichnung LSD-25 (Delysid®) publiziert. Lysergsäure-Verbindungen, wie z.B. das seit 1918 bekannte Ergotamin, werden vereinfacht gesagt, aus Claviceps purpurea, dem Mutterkornpilz, gewonnen.

Ziel der Forschungsarbeit, innerhalb welcher eine Reihe anderer Derivate der Lysergsäure synthetisiert und getestet wurden, war nun die Entwicklung eines Medikaments, das als Analeptikum (Kreislauf- und Atmungsstimulans) eingesetzt werden konnte. Bezogen auf den Indikationskatalog maßen die Sandoz’schen Pharmakologen dem LSD nach Tierversuchen allerdings nur geringe Bedeutung bei und das Wissen um die tatsächlichen Eigenschaften der Substanz blieb in den folgenden fünf Jahren im Verborgenen. Albert Hofmann vermerkte in seinem Buch „LSD – Mein Sorgenkind“:

„Bei der Prüfung von LSD-25 in der pharmakologischen Abteilung von Sandoz (…) wurde eine starke Wirkung auf die Gebärmutter festgestellt. Sie betrug etwa siebzig Prozent der Aktivität von Ergobasin. Im übrigen war im Untersuchungsbericht vermerkt, dass die Versuchstiere in der Narkose unruhig wurden. Die neue Substabz erweckte aber bei unseren Pharmakologen und Medizinern kein besonderes Interesse; weitere Prüfungen wurden deshalb unterlassen. Die nächsten fünf Jahre blieb es still um die Substanz LSD-25.“

LSD Blotter

Trotzdem ließ das Pharmakon dem leidenschaftlichen Chemiker Hofmann keine Ruhe, bis er schließlich 1943, fünf Jahre nach der eigentlichen Erfindung des LSD, die Substanz ein weiteres Mal herstellte, um sich weiter mit dieser zu befassen. Er verspürte eine seltsame Ahnung, dass das LSD unter Umständen noch einige Geheimnisse in sich barg. Und er behielt Recht.

Unbemerkt kam Hofmann bei der Synthese mit Spuren der Chemikalie in Berührung und erlebte den ersten, damals noch leichten LSD-Rausch der Menschheitsgeschichte, welchen er wie folgt in „LSD – Mein Sorgenkind“ beschreibt:

„Vergangenen Freitag, 16. April 1943, musste ich mitten am Nachmittag meine Arbeit im Laboratorium unterbrechen und mich nach Hause begeben, da ich von einer merkwürdigen Unruhe, verbunden mit einem leichten Schwindelgefühl, befallen wurde.Zu Hause legte ich mich nieder und versank in einen nicht unangenehmen rauschartigen Zustand, der sich durch eine äußerst angeregte Phantasie kennzeichnete. Im Dämmerzustand bei geschlossenen Augen – das Tageslicht empfand ich als unangenehm grell – drangen ununterbrochen phantastische Bilder von außerdordentlicher Plastizität und mit intensivem, kaleidoskopartigem Farbenspiel auf mich ein. Nach etwa zwei Stunden verflüchtigte sich dieser Zustand.“

Diese Erfahrung beeindruckte und motivierte den Chemiker so sehr und erfüllte ihn mit Neugierde, was es mit LSD auf sich haben könnte. Also unternahm er drei Tage später, am 19. April, um 16.20 Uhr den ersten gezielten LSD-Versuch. Dieser erstmals vorsätzlich eingenommene LSD-Trip war mit 250 Mikrogramm relativ hoch dosiert – 50 bis 100 Mikrogramm hätten für den Anfang durchaus gereicht. Das war Albert Hofmann jedoch nicht bewusst, außerdem war bis zu diesem Zeitpunkt keine Substanz bekannt, die in derart geringen Mengen wirksam ist.
Dieser erste LSD-Trip der Weltgeschichte, während dem Hofmann auch die berühmte Fahrrad-Fahrt nach Hause unternahm (deshalb heißt der 19. April Bicycle Day), versetzte den Wissenschaftler in unglaubliche, ungeahnte innenweltliche Zustände:

„Ein Dämon war in mich eingedrungen und hatte von meinem Körper, von meinen Sinnen und von meiner Seele Besitz ergriffen … Die Substanz, mit der ich hatte experimentieren wollen, hatte mich besiegt. Sie war der Dämon, der höhnisch über meinen Willen triumphierte. Eine furchtbare Angst, wahnsinnig geworden zu sein, packte mich. Ich war in eine andere Welt geraten, in andere Räume mit anderer Zeit. Mein Körper erschien mir gefühllos, leblos, fremd. Lag ich im Sterben?“

Andererseits offenbarte der Versuch im späteren Verlauf auch ganz andere Qualitäten des LSD:

„Der Schrecken wich und machte einem Gefühl des Glücks und der Dankbarkeit Platz, je mehr normales Fühlen und Denken zurückkehrten und die Gewissheit wuchs, dass ich der Gefahr des Wahnsinns endgültig entronnen war. Jetzt begann ich allmählich das unerhörte Farben- und Formenspiel zu genießen, das hinter meinen geschlossenen Ausgen andauerte. Kaleidoskopartig sich verändernd, drangen bunte, phantastische Gebilde auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich öffnend und wieder schließend, in Farbfontänen zersprühend, sich neu ordnend und kreuzend, in ständigem Fluss.“

In den folgenden Jahren erfuhr das LSD eine Popularisierung unter Medizinern, Therapeuten, Intellektuellen, Künstlern und Psychonauten, wie knapp fünfzig Jahre zuvor das aus dem Peyotl-Kaktus (Lophophora williamsii) isolierte Meskalin, das ein dem LSD ähnliches Wirkungsspektrum aufweist. Durch Sprachrohre wie Timothy Leary, der keinen Moment ausließ, die Wunderdroge zu propagieren, erlangte LSD alsbald eine öffentliche Aufmerksamkeit, wie kein anderes Psychedelikum sonst. In der Psychotherapie konnten mittels des Lysergsäurederivats gute Erfolge erzielt werden. Unter Einbeziehung des LSD und anderer psychedelischer Drogen, wurden gleich zwei Therapiezweige geschaffen: die ‚Psychedelische Therapie’ nach Abram Hoffer, die urpsrünglich für die Behandlung von Alkoholikern gedacht war, und die auf der Freud’schen Psychoanalyse basierende ‚Psycholytische Therapie’.

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Natürlich begeisterten sich schlussfolgernd nicht nur ernsthafte Bewusstseinsforscher und Innenweltreisende mit der Substanz. Auch auf der Straße war das Entheogen jederzeit verfügbar, da vollkommen legal. Von nun an häuften sich die haarsträubenden Storys über LSD-beeinflusste „Hochhaus-Flieger“ – Personen, die (so die Mär) unter LSD-Einfluss glaubten, fliegen zu können und aus dem Fenster oder vom Hausdach in den Tod sprangen. In der Folge wurde Lysergsäurediethylamid 1966 in den USA auf die Liste der verbotenen Substanzen gesetzt und somit auch für den psychotherapeutischen Gebrauch illegalisiert. Fünf Jahre später geschah selbes dann in Deutschland. So wie jede repressive Prohibitionsmaßnahme, konnte das Verbot die Droge freilich nicht verdrängen, nur in eine andere Ecke schieben. Konnte damals LSD frei verkauft und damit auch erworben werden, so ist der heutige Psychonaut auf Undergroundlabors und den Schwarzmarkt, auf Dealer angewiesen und macht sich des Verbrechens des Erforschens des eigenen Bewusstseins schuldig.

Hofmann 1993

Dabei beeinflusste LSD unser aller Leben mehr, als viele es glauben. Soziokulturelle Artefakte der LSD-Kultur sind bis heute nicht aus unserem Alltag verschwunden, sie werden einfach nur nicht mehr als solche wahrgenommen. Wenn auf dem Weg zur Arbeit morgens die Byrds oder Beatles aus dem Radio dröhnen und Papa in Erinnerungen schwelgend „Turn, turn, turn!“ oder „Yellow Submarine“ mitsingt, dann weiß er in der Regel nicht mehr, dass er damit dem LSD eine Lobeshymne darbringt. Wenn Mama ihrem Sprössling einen Smilie-Becher für den Kindergarten kauft, ist sie meist nicht in den Wissen, dass sie hier, mit dem typischen Acid-Symbol, einen Teil der LSD-Kultur der achtziger Jahre in Händen hält (auch wenn der Smilie keine Erfindung der Acidbewegung ist, sondern nur übernommen wurde). Und wenn man am Sonntagabend einen Tatort im Fernsehen einschaltet, wird man mit einem von der psychedelischen Kultur geprägten Vorspann begrüßt.

LSD-Artefakte und -Erfahrungen fanden Eingang in die Literatur (der Zweig der Science Fiction hätte sich ohne LSD wohl niemals so entwickelt), die bildende Kunst (z.B. Surrealismus, Phantastischer Realismus etc.) und die Musik (ohne LSD hätte sich die Pop- und Rockmusik niemals in dieser Weise entwickelt. Mit der Psychedelic-Bewegung wurden bestehende Musikstile erweitert und neue kreiert), den Film (The Trip, Easy Rider, Barbarella, Star Treck, Flashback u.v.m.), das Theater (das Musical „Hair“ oder die Rockoper „Tommy“ von ‘The Who’ sind letztlich in Bühnenstücke umgesetzte LSD-Erfahrungen), damit die verschiedenen Lifestyle-Wege (Esoterik, New Age und andere spirituelle Strömungen) und nicht zuletzt in die Wissenschaft.
Und die Geschichte des LSD ist noch lange nicht zuende. Gerade wird die wissenschaftliche und therapeutische Forschung wieder diskutiert und aufgenommen, LSD ist Gegenstand zahlreicher Debatten und Vorstöße des medizinischen Sektors – wir sind auf einem guten Weg. LSD kann uns Menschen und unseren Gesellschaften so viel geben.
Wir müssen es nur zulassen.

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Veranstaltungstipps zum Bicycle Day:
75 Jahre LSD in Basel

Von Donnerstag, dem 19., bis Sonntag, dem 22. April findet im Holzpark Klybeck (Basel) eine Jubiläumsveranstaltung „75 Jahre LSD“ statt. Mit Vorlesungen, Kunstinstallationen, Happenings, Ausstellungen, Konzerten, Workshops, Performances und Markt. Am 19. April findet zudem in Münchenstein bei Basel im Hotel Hofmatt ein eintägiges Symposium zur wissenschaftlichen LSD-Forschung statt, das bereits ausverkauft ist. Es wird aber Videoschalten der Vorträge geben.
Infos auf den Websiten zu den Veranstaltungen:

www.75-jahre-lsd.ch und www.lsd75.ch




Literaturtipps

Wayne Glausser: LSD-Kulturgeschichte von A bis Z, Solothurn 2018

Stanislav Grof: LSD-Psychotherapie, Stuttgart 1981

Stanislav Grof: Psychonautik, Solothurn 2018

Albert Hofmann: LSD – Mein Sorgenkind, Stuttgart 1979/München 1993

Albert Hofmann: Die Mutterkornalkaloide, Stuttgart 1964/Solothurn 2000

Ralph Metzner und Ram Dass: Geburt einer psychedelischen Kultur, Solothurn 2018

Christian Rätsch: 50 Jahre LSD-Erfahrung, Löhrbach 1993



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