Ist Cannabis wirklich eine Einstiegsdroge? Mutieren Kiffer automatisch zu Heroinabhängigen? Oder ist das Ganze vielleicht nur ein Fake der Prohibitionisten? Wir werfen einen kritischen Blick auf diesen Mythos
Von Markus Berger

Der arme Teufel Cannabis. Für welch schmutzige Propagandazwecke musste diese Pflanze schon herhalten, welche Vorwürfe musste sie schon einstecken. Dem Hanf wird ja alles mögliche vorgeworfen. Dass er dumm mache und den Intelligenzquotienten heruntersetze. Dass er süchtig mache und Leben zerstöre. Dass er Gleichgültigkeit erzeuge und zu sozialem Abstieg führe. Ja, und dass er vor allem eines tue: zum Konsum anderer Drogen verführe und den Gebraucher in tiefste Süchte stürze. Cannabis eine Einstiegsdroge?

Nun wird die Mär von Cannabis als Einstiegsdroge bereits seit Jahrzehnten bemüht, insbesondere die politischen und medizinischen Debatten werden von Gegnern einer Freigabe des Hanfs mit diesem scheinbaren Argument immer wieder mit der Einstiegsdrogenthematik gefüttert. Es heißt, dass der Gebrauch von Cannabis automatisch und unweigerlich zu anderen psychoaktiven Substanzen führe – und damit meistens in die Abhängigkeit von sogenannten harten Drogen. Das war jahrelang das Totschlagargument der Prohibitionisten.
Wer wollte dagegen schon etwas sagen? Dass Cannabis auf direktem Wege in Sucht und Verderben stürzt, ist Grund genug, die Droge weiterhin zu verbieten. Punkt.

Auch Gerichte sehen keine Einstiegsdroge

Eins direkt zu Beginn: Dass Cannabis eben keine Einstiegsdroge ist, war sogar schon einmal Bestandteil zweier
Gerichtsurteile in Deutschland. Das Landgericht Lübeck und das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hatten
Anfang der Neunzigerjahre offiziell festgestellt, dass die Theorie von Cannabis als Einstiegsdroge nicht haltbar und
lediglich ein Mythos ist. Damals war es um Grundsatzfragen gegangen, insbesondere um Straffreiheit bei Besitz von „geringen Mengen“ und darum, ob das totale Cannabisverbot bei gleichzeitiger Legalität von Alkohol und
Tabak verfassungskonform ist. Der Lübecker Richter Wolfgang Neskovic hatte dem Bundesverfassungsgericht das Urteil eines Cannabisfalls vorgelegt, nach dem ein Angeklagter wegen Besitzes von deutlich weniger als zwei Gramm Haschisch zu zwei Monaten Freiheitsstrafe verurteilt worden war. Der Lübecker Richter befand dies als
einen Verstoß gegen das Grundgesetz. Die Richter am Bundesverfassungsgericht folgten Neskovic und urteilten, dass geringe Mengen Cannabis nicht ins Gefängnis führen dürfen. Zwar wurden die Worte,
die da in den Gerichtssälen zu vernehmen waren, gehört und auch von den Medien wiedergegeben.
Die Öffentlichkeit, vor allem aber der Gesetzgeber, hat sich jedoch nie wirklich darum geschert. Zu diesem Thema ist im Verlag von Werner Pieper ein eigenes Buch erschienen:
Ronald Rippchen, Das Recht auf Rausch, Der Grüne Zweig 147.

Die wirklichen Einstiegsdrogen: Tabak und Alkohol

Wenn überhaupt von „Einstiegsdrogen“ gesprochen werden kann – also von Substanzen, die auch zum Probieren anderer Stoffe verleiten –, dann muss das in unserer Gesellschaft zwei anderen Drogen gelten.
Nämlich denen, die schon Kindern tagaus tagein vor die Nase gehalten werden, und das sind in unserem
Kulturkreis der Alkohol und der Tabak. Im Gegensatz zum Cannabis sind dies Stoffe, die echtes Suchtpotenzial aufweisen, die nachweislich lebensgefährlich sein können und die für zahlreiche Todesopfer verantwortlich sind.
Wenn jemand als Jugendlicher und junger Erwachsener das erste Mal an einem Joint zieht,
hat er oder sie zuvor mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zumindest auch an einer Zigarette schon mal genippt. Schließlich machen es alle vor: Eltern, Verwandte, Geschwister, Lehrer, wo du hinschaust – überall wird geraucht. Daran können auch die modernen und lachhaften Anti-Rauch-Kampagnen nichts ändern.
Wäre ja auch schlimm, wenn die Leute aufhören würden, Tabak zu qualmen.
Immerhin finanziert sich zum Beispiel Deutschland ganz passabel über die Tabakkonsumenten mit.
Noch arger treiben es die westlichen „Zivilisierten“ nur mit dem Alkohol. Schon am Morgen wird zur Eröffnung des Klamottenladens oder zur Begrüßung am Volksfest ein Sektempfang oder ein Frühschoppen veranstaltet.
Freilich, das ist alles nicht schlimm – aber erzählt doch bitte nicht, dass Cannabis eine Einstiegsdroge sei.
Unsere Gesellschaft nimmt alle möglichen Psychoaktiva zu sich – neben Tabak und Alkohol sind dies auch Kaffee, Tee, Schokolade und alle anderen purinhaltigen Drogen sowie tonnenweise Psychopharmaka und viele andere Substanzen, die uns als „Drogen“ so gar nicht auffallen und bewusst sind, aber als psychoaktive Substanzen unsere Leben bereichern: Denken wir nur an beruhigende Kräuter, die wir zur Nacht nehmen (Baldrian, Melisse, Lavendel, Hopfen etc.) oder an jene, die wir verwenden, um unser Liebesleben aufzupeppen (Damiana, Muira Puama etc.) oder um Depressionen oder körperliche Zustände des Unwohlseins zu verbessern (Passionsblume,
Schwedenkräuter etc.). Auch diese Pflanzen bzw. Stoffe könnten verboten sein, immerhin ist das Cannabisverbot ebenso willkürlich etabliert worden.

Mythos kommt aus den USA

Und da sind wir schon im Thema. Denn das Cannabisverbot wie auch das Gerücht von der Einstiegsdroge kommen aus den USA. Letztendlich installiert wurde es in den Dreißigerjahren von Harry J. Anslinger,

damaliger Chef des US-amerikanischen Drogenbüros, in Zusammenarbeit mit dem Zeitungsverleger William Randolph Hearst, die gemeinsam und höchst aggressiv die Anti-Marihuana-Propaganda verbreiteten.

Der Journalist, Hanfexperte und Bestsellerautor Mathias Bröckers aus Berlin erklärt, dass das Gerücht ein Kind der US-amerikanischen Reefer-Madness-Propaganda ist: „Die US-Prohibitionisten verbreiteten den Mythos, dass Cannabis-Konsumenten am Ende als Heroinopfer im Straßengraben landen, so lange, bis er auf der ganzen Welt verbreitet und im Volksglauben angekommen war. Dieses lächerliche Märchen wird ja bis heute immer mal wieder als ‚Argument‘ angeführt“
(persönliche Mitteilung).

Logik siegt über Hysterie

Mal ehrlich: Wenn es denn doch stimmen sollte, dass Cannabis als Einstiegsdroge funktioniert,
dann müssten wir mit einem einfachen Rechenexempel zu unerhörten Erkenntnissen gelangen.
Die Bundesregierung schätzt, dass es in Deutschland etwa 4 Millionen Cannabiskonsumenten gibt.
Wenn alle von denen früher oder später an der Nadel hängen oder zu Kokain- oder Amphetamin-Junkies mutiert sind, würde sich das doch in den Statistiken niederschlagen, nicht wahr? Dem ist aber nicht so.
Vielmehr sprechen die statistischen Hochrechnungen eine ganz andere Sprache, nämlich, dass
„nach Untersuchungen der Bundesregierung von 100 Haschisch-Konsumenten lediglich zwei bis drei auf harte Drogen umsteigen, und dass dort, wo ein Umstieg stattfindet, vorher regelmäßig Suchtstrukturen über Alkohol- und Nikotinkonsum gebildet worden sind“, so berichtet von der WELT, wenn auch schon recht lange her.
Wäre die Mär von der Einstiegsdroge Cannabis also Wirklichkeit, dann hätten wir mit den sogenannten harten Drogen ein deutlich massiveres Problem in unserer Gesellschaft. So bleibt das Märchen aber, was es ist: Eine über 80 Jahre alte Lüge, die willkürlich erdacht worden war und bis heute verzweifelten „Drogenkriegern“ als Gewähr dienen soll, den Stammtisch zu überzeugen, wie gefährlich Cannabis ist. Informierte und aufgeklärte Richter, Staatsanwälte, Strafrechtler, Polizisten, Lehrer, Ärzte, Forscher und Politiker sprechen sich aber zum Glück immer häufiger für ein Umdenken in der Cannabis- und Drogenpolitik aus. Und das aus gutem Grund.

En contraire: Cannabis die „Ausstiegsdroge“

Interessant ist es übrigens, dass Cannabis in der Tat als Ausstiegsdroge bezeichnet werden kann.
Eine Ironie des Schicksals, die allen Einstiegsdrogen-Verfechtern Probleme bereiten dürfte. Denn immer wieder wird bekannt, dass Abhängige von suchterzeugenden Drogen ihren Entzug von Opiaten, Opioiden, Alkohol, Benzodiazepinen oder anderen Substanzen mithilfe von Cannabis leichter bewältigen – und überhaupt erst durchzuziehen in der Lage sind. Das Prinzip ist denkbar einfach: Der Alkoholiker, der vom Trinken oder der Opiatabhängige, der vom Opiat loskommen will, bewerkstelligt das Vorhaben nicht durch bloße Abstinenz (die ohnehin in vielen Fällen aussichtslos ist), sondern unterstützt sich durch den Konsum von Cannabis, um den Suchtdruck einzudämmen und auszuhalten. Und das funktioniert sogar bei vielen Personen!
Damit fungiert Cannabis de facto deutlich effizienter als Ausstiegs-, denn als Einstiegsdroge.
Das könnte uns zu denken geben.

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