Mikrodosiertes Cannabis

Der „neue“ Umgang mit einem alten Heilmittel: Cannabis als Medizin ist seit Urzeiten bekannt und den Volksmedizinen der Welt vertraut. Heutzutage wird so getan, als sei Cannabismedizin etwas Neuartiges, was de facto nicht der Fall ist. Was jedoch tatsächlich neu ist, ist die Anwendung von Cannabis in mikrodosierter Form. Von Markus Berger

Dass Cannabis ein unglaublich weites medizinisches Spektrum abdeckt, ist bekannt und Gegenstand einer großen Anzahl von breit angelegten Forschungsarbeiten. Dabei gewinnt die Wissenschaft immer wichtigere Erkenntnisse, und es wird klarer und klarer, dass mit Hanf und seinen Wirkstoffen eine immer größer werdende Vielzahl von Krankheiten und Leiden behandelt werden kann.
Patienten, die Cannabis als Medizin verwenden, nehmen entweder entsprechende pharmazeutische Präparate ein oder sie rauchen bzw. vaporisieren ihre Blüten oder Haschisch, um Symptome zu bekämpfen und Erkrankungen zu therapieren.

Eine recht unbekannte, nicht erforschte und neue Variante des Gebrauchs von Cannabismedizin spricht sich allmählich unter Cannabispatienten herum: Die Nutzung von Gras oder Hasch in Form von Microdosing.

Wie funktioniert‘s?

Manchen Patienten, vornehmlich Schmerzpatienten, berichten, dass die orale Einnahme einer sehr geringen Menge Cannabis – etwa in der Größe einer Erbse – ihre Schmerzen effektiver lindert als größere Mengen gerauchten oder verdampften Materials. Das ist natürlich interessant, aber gleichzeitig schwer zu erklären, weil die aufgenommenen Wirkstoffe des Cannabis bei solchen Mengen in Richtung homöopathischer Dosierung gehen. Es gibt aber auch Patienten, die derart geringe Dosen verdampfen oder rauchen, meist in einer Pfeife und ohne Zusatz von anderen Stoffen und über eine Verbesserung ihrer Symptome und Schmerzen berichten.

Nur Placeboeffekt?

Kritische Geister merken, wenn es um Microdosing im Allgemeinen geht, gerne an, dass die Probanden vermutlich nur einem Placeboeffekt aufsitzen und sich die Verbesserung von Symptomen durch Microdosing nur einbilden. Hier kann in der Tat niemand das Gegenteil beweisen, und eventuell haben die Kritiker sogar recht.

In der Praxis ist es jedoch reichlich egal, ob die Wirksamkeit der Therapie effektiv pharmakologischer Natur oder nur eingebildet ist. Dem Migräniker wird es nämlich herzlich egal sein, aus welchem Grund seine Kopfschmerzen besser werden, Placebo hin, Placebo her.

Cannabis-Microdosing in der Praxis

Um Cannabis-Microdosing zu praktizieren, wird einfach ein kleines Stückchen Cannabisblüte oder Haschisch geschluckt. Patienten gaben eine ungefähre Menge von bis zu etwa 0,1 Gramm an, also etwa hundert Milligramm Materials, das sie herunterschlucken und mit Wasser nachspülen.
Dieselbe Menge kann auch in einer Pfeife oder Wasserpfeife bzw. im Vaporizer inhaliert werden, dann allerdings ohne Zusatz von Tabak und anderen Stoffen. Die individuelle Menge muss jeder für sich selbst herausfinden.

Tipps legal?

Darf man überhaupt Tipps zum Microdosing mit Cannabis geben? Ja, das dürfen wir. Denn in Deutschland ist die Verwendung von Cannabis als Medizin seit dem 17. März 2017 legal – jeder Arzt darf dem Patienten auf einem Betäubungsmittelrezept Cannabispräparate und/oder Blüten verschreiben, die dann in der Apotheke gekauft werden. In manchen Fällen zahlen die Krankenkassen die Medizin, dafür muss ein Patient jedoch zuvor einen entsprechenden Antrag stellen.

Das Apothekencannabis kann dann nach Belieben verwendet werden, auch fürs Microdosing. Patienten, die im Besitz von medizinischen Cannabisblüten aus der Apotheke sind, können sich auch vollkommen legal ein eigenes Haschisch oder auch BHO-Konzentrate (Butane Honey Oil) herstellen. Die einzige Krux daran ist, dass Apothekengras unglaublich teuer ist, bis 25 Euro das Gramm, je nach Apotheke.

Gras vor Konsum aktivieren

Möchte man das Maximum an THC, CBD und anderen Cannabinoiden aus seinem Medizinalgras herausholen, empfiehlt es sich, das Marijuana vor dem Konsum im Backofen zu aktivieren. Die langsame und kurzzeitige Erhitzung des Materials hat nämlich zur Folge, dass die in den Blüten vorliegenden Cannabinoid-Säuren (die in vielen Fällen inaktiv sind), in ihre phenolischen und damit aktiven Formen überführt werden. Dieser Vorgang nennt sich Decarboxylierung und geschieht für THC bei etwa 100 bis 110 Grad für zehn bis zwanzig Minuten. Erhitzt man dann weitere 60 Minuten bei 120 Grad, wird auch die CBD-Säure umgewandelt. Somit wird aus CBD-Säure (CBDA) neutrales Cannabidiol, aus THC-Säure das psychoaktive THC und so weiter.

Wieso wirkt das?

Der Mensch verfügt über ein körpereigenes System von Cannabiswirkstoffen. Dies nennt sich Endocannabinoidsystem (ECS). Dieses System übt in uns regulierende Funktionen aus und es ist für eine Vielzahl von normalen Körper- und psychischen Vorgängen in uns verantwortlich.

Bei zahlreichen Erkrankungen und Leiden liegt in unseren Körpern eine Fehlregulation oder auch ein Mangel an Endocannabinoiden (den körpereigenen Cannabiswirkstoffen) vor, die durch die Einnahme von Cannabinoiden wieder in die Bahn gelenkt werden können. Deshalb weist Cannabis ein so weites Spektrum an heilkräftigen Effekten auf.

Mit dem Arzt über Cannabis sprechen?

Viele Menschen scheuen sich nach wie vor, mit ihrem Arzt über Cannabis als Medizin zu sprechen. Dabei ist die Rechtslage mittlerweile klar und deutlich, seit mehr als einem Jahr darf jeder Arzt ein Rezept für Cannabismedizin ausstellen.
Wenn Ärzte sich weigern, über dieses Medikament zu sprechen, dann entweder, weil sie befangen sind und Angst vor dem vermeintlichen Suchtmittel Cannabis haben, oder weil sie nicht wollen, dass künftig noch mehr Patienten nach Cannabis fragen und sie dann eventuell als „Drogenärzte“ in ihrem Ort oder Bezirk gelten. Trotzdem: Als Patient sollte man sich für den Erhalt einer wirksamen Medizin einsetzen und notfalls auch den Mediziner wechseln.

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